Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 009 - 05.10.2012

Prekäre Beschäftigung in Nürnberg frisst sich tiefer in den Arbeitsmarkt und belastet Sozialkassen und Kommune

Angesichts des bevorstehenden Welttags für menschenwürdige Arbeit, der traditionell am 7. Oktober begangen wird, kritisiert der DGB, dass auch in Nürnberg prekäre Beschäftigung weiter auf dem Vormarsch ist. So steigt der Anteil der atypischen Beschäftigungsverhältnisse (Leiharbeit, Teilzeit, Minijobs, Saisonarbeit etc.) in der Stadt stetig an. Im Jahr 2010 erreichte er einen bisherigen Rekordwert von 37,6%. „Diese Daten der Hans-Böckler-Stiftung zeigen deutlich, dass der Trend zur Amerikanisierung des Arbeitsmarktes auch in der Region ungebrochen ist“, kommentiert Stephan Doll, DGB-Vorsitzender der Region Mittelfranken, die Zahlen. Grund zur Sorge mache ihm vor allem, dass inzwischen beinah jede dritte Frau in Nürnberg in atypischer Beschäftigung ist und auch bei den Männern, der Anteil stark zunehme. Nürnberg folgt damit dem verheerenden Bundestrend, nachdem das klassische „Normalarbeitsverhältnis“ (unbefristete Vollzeitbeschäftigung) zunehmend durch atypische Beschäftigungsverhältnisse verdrängt wird. Während 2001 noch beinah 90% der Männer und 60% der Frauen in sozialversicherungspflichtiger Vollzeit arbeiteten, waren es 2011 nur noch 84 bzw. 51%. Dagegen wuchs der Anteil der Teilzeitbeschäftigung und auch der Minijobs sowohl bei Frauen als auch bei Männern stark an.

Gleichzeitig steigt der Anteil der armen Beschäftigten in Deutschland und der Niedriglohnsektor breitet sich aus. In Nürnberg lag der Anteil niedriglohnbeziehender Vollzeit(!)beschäftigten 2008 bei 20,5%. „Arm trotz Arbeit, das ist für viele Beschäftigte inzwischen Realität“, so Doll. „Dass in einem so reichen Land wie Deutschland Menschen nicht von ihrer Arbeit leben können ist ein Armutszeugnis für die Politik. Wir brauchen endlich einen echten Mindestlohn und eine Neuregelung des Arbeitsmarktes, damit Beschäftigte von ihrer Arbeit auch wieder leben können. Dies fordern wir auch mit Blick auf das Wahljahr 2013.“

Denn die Folgen der Amerikanisierung des Arbeitsmarktes sind für Beschäftigten und die gesamte Gesellschaft alarmierend: So zeigte eine Studie des Robert-Koch-Instituts, dass Arbeitslose und prekär Beschäftigte nachweislich deutlich höhere Gesundheitsprobleme haben als Menschen mit sicherem Arbeitsplatz. Auch die Krankenkassen warnten erst kürzlich vor der Zunahme von Burnout und anderen psychosozialen Krankheiten.

Die Sorgen sind vor allem aufgrund der extremen Unsicherheit, denen die prekär Beschäftigten ausgesetzt sind, verständlich. So ist das Arbeitsplatzrisiko in der Leiharbeit extrem hoch. Allein im Jahr 2011 wurde in Nürnberg jeder vierte sozialversichert beschäftigte Leiharbeiter arbeitslos (26,1%). Damit ist das Risiko der Arbeitslosigkeit für diese Gruppe drei Mal höher als für Beschäftigte in Nürnberg insgesamt (7,9%). Für Doll zeigen diese Zahlen vor allem ,“dass Hire and Fire im Verleihgewerbe immer noch an der Tagesordnung ist und Verleiher personalpolitische Risiken schnell auf die Sozialsysteme und damit auf die Allgemeinheit verlagern.“

Auch im Gastgewerbe, wo Befristungen eine große Rolle spielen war das Risiko entlassen zu werden im Jahr 2011 in Nürnberg doppelt so hoch wie im Schnitt aller Branchen (17,6%). Mit Blick auf die über 21.000 Beschäftigten, die im Jahr 2011 in Nürnberg ihren Job verloren kritisiert Doll: „Trotz guter Konjunktur und steigender Klagen von Unternehmen über Fachkräftemangel hat beinahe jeder/jede zwölfte sozialversichert Beschäftigte in der Stadt Nürnberg in 2011 den Job verloren. Dabei tragen instabile und prekäre Beschäftigung nicht zum Abbau eines Fachkräftebedarfs bei, sondern verschärfen ihn eher.“

Und prekär Beschäftigte sind nicht nur öfter von Arbeitslosigkeit betroffen, oder müssen ihr Gehalt durch Hartz-IV aufstocken lassen (bei den Minijobbern allein in Nürnberg 20%). Bei Jobverlust landen sie auch häufig direkt wieder im Fürsorgesystem Hartz-IV, auch wenn sie zuvor eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ausgeübt haben. Insgesamt sind die Zahlen für Nürnberg hier alarmierend: 2011 fiel ein Drittel (31,8%) der sozialversichert Beschäftigten nach Verlust ihres Arbeitsplatzes direkt ins Hartz-IV System. Dies liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt von einem Viertel. Besonders problematisch ist auch hier wieder die Situation in der Leiharbeit, wo die Hälfte der Beschäftigten nach Jobverlust auf Hartz-IV angewiesen war. Doll weiß: „Das Problem ist, dass viele prekär Beschäftigten zwar in die Arbeitslosenversicherung einzahlen, sie aber zu kurz beschäftigt sind um die benötigten Beitragsmonate zu sammeln und sie deshalb keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben. Sie fallen durch die Maschen des Sozialversicherungssystems und verarmen oftmals. Damit werden auch in Nürnberg die Elendsschluchten befeuert und die Akzeptanz für unser Sozialversicherungssystem untergraben.“

„Hier ist der Gesetzgeber gefragt“, so Doll weiter. „Wir brauchen endlich eine Regulierung der prekären Beschäftigung. Zudem muss es bei Jobverlust bereits nach 6 Monaten einen Anspruch auf Arbeitslosengeld I geben und natürlich brauchen wir auch einen Mindestlohn, um den zunehmenden Niedriglohnsektor eine untere Haltelinie entgegen zu setzen.“


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