Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 007 - 17.07.2012

DGB Fürth: Prekäre Beschäftigung weiter auf dem Vormarsch

Prekäre Beschäftigung schafft nicht nur Unsicherheit und geht meist mit einer unzureichenden
Bezahlung einher, sie bietet zudem kaum Anerkennung und macht längerfristige Planungen
unmöglich. „Was hier seit Jahren passiert, ist vor allem ökonomischer Unsinn zu Lasten der
Beschäftigten. Damit wird auch noch vorprogrammierte Altersarmut in Reinform
gefördert“, so Stephan Doll, Vorsitzender des DGB Mittelfranken. „Wer heute 45 Jahre in
sogenannten Minijobs arbeitet, hat sage und schreibe Anspruch auf 140 € Rente im
Monat“, stellt Doll klar.


Laut DGB arbeiteten im Jahre 2010 etwa 7,9 Millionen Menschen im Niedriglohnsektor, dies
sind 23,1% aller Beschäftigten. Im Jahr 2000 waren es noch 19%. Die Steigerungen bei der
Leiharbeit verdeutlichen die steile Entwicklung, die prekäre Beschäftigungsverhältnisse in den
letzten Jahren vollzogen haben. So arbeiteten im Jahre 1996 lediglich 177.000 Menschen in
dieser Branche. 2011 waren es 910.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Stephan Doll
erklärt hierzu: „Anhand dieser Zahlen wird die ganze Dynamik der prekären Beschäftigung
sichtbar. Hier ist endlich Equal Pay angebracht“. Doll widerspricht auch der Annahme
prekäre Beschäftigung sei eine Brücke zu fester Arbeit: „Die oft zitierte Brückenfunktion gibt
es häufig nur in eine Richtung – zurück zu Hartz IV. Wir haben es also vielmehr mit einer
Drehtürfunktion zu tun“.


Im Vergleich auch mit den anderen großen Kommunen der Städteachse Nürnberg, Fürth und
Erlangen ist die Entwicklung der prekären Beschäftigung in der Stadt Fürth über die letzten 10
Jahre hinweg besorgniserregend. So sank die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in
Fürth von 2001 bis 2011 um 9,2 %. Dies ist vor allem einem massiven Abbau von
sozialversicherungspflichtigen Vollzeitstellen (-12,5%) von 36.536 auf 31.957 Stellen in den
letzten 10 Jahren (entspricht einen Verlust von 4.579 Arbeitsplätzen) zuzuschreiben. Dagegen
steht ein Zuwachs an Teilzeitstellen von 7.092 auf 7.656 Stellen (+8,0%). Feststellbar ist zudem
ein massiver Anstieg an Minijobs um sage und schreibe 84% auf 9.219 im Jahre 2011.
Der Anteil an sogenannten Aufstockern an allen Minijobs ist in der Stadt Fürth mit 14,8% sehr
hoch (Stand Dez. 2009). Lediglich die Stadt Nürnberg weist in Mittelfranken eine noch höhere
Quote auf. Anja Klier, die den Bereich Fürth als Regionssekretärin für den DGB betreut, fordert
deshalb: „Um den Missbrauch von Minijobs zu verhindern und der drohenden
Altersarmut entgegen zu wirken brauchen wir die Einführung einer
Sozialversicherungspflicht ab dem ersten Euro, mit einem höheren Arbeitgeberanteil im
unteren Einkommensbereich.“


Im Landkreis Fürth liegt die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Jahr 2011 noch
leicht unter dem Niveau von 2001 (-0,2%). Dem Rückgang der sozialversicherungspflichtigen
Beschäftigten in Vollzeit (-6,5%) von 18.174 Stellen auf 17.001 im Jahr 2011 steht ein kräftiger
Zuwachs der Beschäftigten in Teilzeit seit 2001 gegenüber (+31,8%). Auch im Landkreis Fürth
sind die Steigerungen bei den Minijobs seit 2001 dramatisch. 2011 waren 7.105 Menschen im
Minijob tätig, 75% mehr als noch im Jahr 2001. Anlass zur Sorge ist auch die Tatsache, dass
die Zahl der Minijobber im Nebenjob, also solche die auch eine sozialversicherungspflichtige
Stelle haben, von 2006 bis 2011 um 30% gestiegen ist. Klier dazu: „Diese Zahlen weisen
darauf hin, dass immer mehr Menschen mit ihrem Haupterwerb nicht mehr über die
Runden kommen und sie sich deshalb einen Nebenjob suchen müssen. Dass die
Menschen von ihrer sozialversicherungspflichtigen Stelle nicht mehr leben können ist für
uns ein untragbarer Zustand.“
Dementsprechend wuchs auch der Anteil atypischer Beschäftigungsverhältnisse, sprich
Minijobs, Leiharbeit und Teilzeitbeschäftigung. Hier belegt der Landkreis mit 40,8 % (letzte
verfügbare Zahlen von 2009) Platz 4 im Vergleich zu allen anderen Landkreisen und kreisfreien
Städten Mittelfrankens und liegt rund 3 Prozent über dem bundesdeutschen und bayerischen
Durchschnitt.

Die starke Zunahme an prekären bzw. atypischen Beschäftigungsverhältnissen im Landkreis
und in der Stadt ist eine tickende Zeitbombe der Altersarmut. „Wenn Lohndumping und
prekäre Beschäftigung nicht zurückgedrängt werden, müssen bundesweit Steuer- und
Beitragsmittel in Milliardenhöhe aufgebracht werden um diese Armutslöhne
auszugleichen. Dadurch drohen weitere Wettbewerbsverzerrungen zwischen
Unternehmen, die existenzsichernde Löhne zahlen und denjenigen, die sich die
Armutsfalle zunutze machen“, so Stephan Doll. Die staatliche Subventionierung der
Niedriglöhne müsse durch Mindestlöhne nicht unter 8,50 Euro die Stunde zurückgedrängt
werden. Dies würde auch den immer mehr um sich greifende Missbrauch von Werkverträgen
zur zusätzlichen Lohndrückerei Einhalt gebieten.
Der DGB fordert die Stadt und den Landkreis Fürth zudem auf, ihre Vergabeordnungen so zu
ändern, dass Mindestlöhne bei öffentlichen Aufträgen für Auftragnehmer und deren
Subunternehmer zur Pflicht werden.


An die Adresse von Oberbürgermeister Dr. Thomas Jung appelliert Doll: „Wir wünschen uns
vom Oberbürgermeister der Stadt Fürth, dass er einen Blick hinter die Zahlen wirft, um
die zunehmende Amerikanisierung des Arbeitsmarktes zu erkennen und diesem Trend
entgegenzusteuern.“


Für Rückfragen der Redaktion:
Stephan Doll,
Vorsitzender
DGB Region Mittelfranken
Tel. 0171-7880736


Nach oben

Zuletzt besuchte Seiten