Deutscher Gewerkschaftsbund

21.11.2018

Gesundheitsorientiertes Führen ist ein komplexer Prozess

von Norbert Feulner

Auf sehr großes Interesse stieß die Veranstaltung Gesundes Führen am Arbeitsplatz und die Frage nach der Bedeutung von sozialen Beziehungen im Betrieb. Die Stühle im bereits vollbesetzten größten Raum im Nürnberger Gewerkschaftshaus reichten nicht aus. Arbeitnehmervertreter*innen, Gewerkschafter*innen, Führungskräfte aus Wirtschaft, Behörden und öffentlichen Einrichtungen erwarteten den Vortrag von Prof. Dr. Cornelia Niessen mit Spannung. Das Netzwerk Konfliktkultur und Mobbing in der Arbeitswelt und Schule im Großraum Nürnberg hatte einen Nerv getroffen. Die Referentin leitet seit 2011 den Lehrstuhl für Arbeitspsychologie an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Ein gemeinsames Interesse der Veranstaltungsbesuchenden dürfte in der Frage liegen: Bei welchen Chefs bleiben Leute gesund, und bei welchen Vorgesetzen bleiben die Beschäftigten? Diese Fragestellung formulierte Dr. Angela Rischer vom Netzwerk Konfliktkultur als Hinführung auf das Thema. „Als Netzwerk treibt uns die Frage um, wie Konflikten am Arbeitsplatz strukturell vorgebeugt werden kann.“ Denn: „Bei eskalierenden Konflikten nehme jeder zweite Beschäftigte wahr, dass Vorgesetzte Konflikte eher noch schüren als bereinigen“, sagte Dr. Rischer.

Hohe Anforderungen + geringe Handlungsspielräume = mehr Konflikte

Forschungen haben ergeben, dass schlechte Führung zu einer ungünstigen Gestaltung einer psychosozialen Arbeitsumgebung beiträgt, sagte Prof. Niessen. Mobbing und aggressives Verhalten werde durch zu hohe Anforderungen und zu geringe Handlungsspielräume gefördert. Des Weiteren durch Ungerechtigkeit, ungelöste Konflikte oder arbeits- und organisatorische Probleme.

Das Gefühl von Unsicherheit und Ratlosigkeit wurde von Veranstaltungsteilnehmenden bezüglich der Rolle zwischen einerseits Kollegialität und andererseits Führungskraft thematisiert.

Prof. Niessen gab einem transformationalen Führungsstil aus Fördern und Unterstützen den Vorrang. Dieser setze voraus, dass Chefs ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen kennen. Dazu müssen sie zunächst das Gespräch mit ihnen suchen, eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen und sich um ein ganzheitliches Verständnis der Situation bemühen. In einem zweiten Schritt braucht es geplantes Vorgehen, wie beispielsweise Reflektion, Beratung und erforderlichenfalls die Einbeziehung von Dritten (z.B. Betriebsrat, Psychologin). Darauf aufbauende Handlungsschritte können sich auf Aufgabe, Ressourcen, emotionale Unterstützung und Feedback einholen beziehen. „Gesundheitsorientiertes Führen ist ein komplexes Unterfangen“, sagt Arbeitspsychologin Niessen. „Es benötigt einen aufmerksamen Umgang mit individuellen Unterschieden und den daraus entstehenden Gerechtigkeitsfragen im Team. Grundlegend ist das Wissen um Grenzen der eigenen Wirksamkeit.“

Die vielen Wortmeldungen der Veranstaltungsteilnehmer*innen durch konstruktive Unterbrechungen während des Vortrags und im Anschluss daran zeigten das Interesse am Wissenstransfer für die betriebliche Praxis.

Pressespiegel

“Warum Chefs auch mal früher gehen sollten” (Nürnberger Nachrichten v. 03.11.2018)


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